Propaganda im Jugoslawienkrieg

Publiziert: Dezember 2019 (akt.)
Sprachen: EN, DE; BS, CZ, SR

Beim Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre ging es aus geopolitischer Sicht um eine Neuordnung Süd­ost­europas nach dem Ende des Kalten Krieges. Die USA nutzten dazu auch jene Milizen, mit denen sie zuvor in Afghanistan die UdSSR bekämpften, und die sie später »Al Kaida« nennen sollten.

Die politische und mediale Propaganda zum Jugoslawien­krieg ist inzwischen gut erforscht. Interes­santer­weise versuchen dennoch zahlreiche Medien und Kommentatoren bis heute die offizielle Darstellung von damals zu verteidigen, im Unterschied etwa zum Irak­krieg.

Hierfür mag es verschiedene Gründe geben. Einerseits stammt die fragliche Propaganda noch aus der Frühzeit des Internets und ist deshalb in der Öffentlichkeit im Allgemeinen etwas weniger bekannt. Andererseits sind die Implikationen für Europa in diesem Fall besonders groß.

Aus heutiger Sicht ist es eine triviale Feststellung, dass die meisten westlichen Medien den Jugo­sla­wien­krieg der NATO unterstützten, doch damals glaubten selbst Kritiker noch an ein mediales »Versagen«, zumal die entscheidenden Medienstrukturen noch nicht allgemein bekannt waren.

Es folgt eine Übersicht der bekanntesten Propagandabeispiele aus dem Jugoslawienkrieg sowie Hinweise auf weiterführende Literatur und Dokumentation. Die Analyse stellt dabei weder regionale Aspekte des Krieges noch tatsächliche Kriegsverbrechen, egal auf welcher Seite, infrage.

Siehe auch:

Propagandabeispiele

1. Das serbische »Todeslager« (1992)

Eines der bekanntesten Propagandabeispiele aus dem Jugoslawienkrieg betrifft das angebliche Todeslager von Trnopolje in Bosnien. Dabei besuchten drei britische Journalisten im August 1992 ein Flüchtlingslager, dessen Insassen betonten, sehr gut behandelt zu werden (siehe Video unten).

Die Journalisten begaben sich indes auf ein abgesperrtes Trafo-Areal direkt neben dem Flüchtlings­lager und filmten die Männer durch einen Stachel­draht­zaun hindurch, was den Eindruck erweckte, die Männer seien eingesperrt. Sodann baten die Journalisten einen aufgrund von Krankheit oder kriegsbedingter Mangelernährung abgemagerten Mann, sein T-Shirt auszuziehen.

Das so entstandene Foto landete – sorgfältig zurecht­geschnitten – auf den Titelseiten der meisten westlichen Medien als »Beweis« für serbische »Todeslager«, die wiederum als Begründung für die nachfolgende NATO-Intervention in Bosnien dienten, beginnend mit einer Flugverbotszone.

Die Trnopolje-Täuschung wurde 1997 von einem deutschen Journalisten aufgedeckt. Ein Magazin in England, das seinen Artikel veröffentlichte, wurde von den drei britischen Journalisten wegen Verleumdung verklagt und verurteilt, da es ihnen keine Absicht nachweisen konnte.

Der Chef einer amerikanischen PR-Agentur, die die Falschmeldung der Todeslager aktiv verbreitete, erklärte in einem späteren Interview: »Wir sind Professionals. Wir hatten einen Auftrag und wir erledigten ihn. Wir sind nicht dafür bezahlt, moralisch zu sein.«

Siehe auch: Der Originalartikel zur Trnopolje-Täuschung von Th. Deichmann (Novo, 1997)


Vollständige Doku: Yugoslavia: The Pictures that Fooled the World (2000)

TV, Presse und Lageplan zum Lager bei Trnopolje

2. Die Marktplatz-Massaker in Sarajewo (1992-1995)

Ein weiteres bekanntes Propaganda­beispiel betrifft die sogenannten Marktplatz-Massaker während der vierjährigen Belagerung Sarajewos, darunter insbesondere das Bäckerei-Massaker vom Mai 1992 sowie die beiden sogenannten Markale-Massaker vom Februar 1994 und August 1995.

Diese Vorfälle sollen durch Granatenbeschuss von außerhalb der Stadt erfolgt sein und fanden zumeist kurz vor wichtigen politischen Beratungen der UNO oder EU statt. Sie führten letztlich zu einem direkten militärischen Eingreifen der NATO und damit zur Wende im Bosnienkrieg.

In den genannten sowie einigen weiteren Fällen kamen Untersuchungen durch Offiziere der UNO-Schutz­mission zum Ergebnis, dass diese Vorfälle womöglich von der bosnischen Seite selbst verübt wurden, um die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen (sog. False-Flag-Angriff).

Die entsprechenden UNO-Berichte wurden jedoch geheim gehalten. Stattdessen behaupteten amerikanische Medien – insbesondere CNN – sowie die US-Regierung meist unmittelbar nach den Vorfällen, dass der jeweilige Angriff vermutlich von serbischer Seite erfolgt sei (vgl. Video unten).

Der kanadische General Lewis MacKenzie, Kommandeur der UNO-Truppen in Sarajewo, notierte zum Vorfall von 1992: »Laut unseren Leuten passte einiges nicht. Die Straße wurde kurz zuvor abgesperrt. Dann positionierten sich die Personen und die Medien tauchten auf, hielten aber noch Abstand. Der Angriff erfolgte und die Medien begannen sofort zu filmen.«

Zum Vorfall von 1994 erinnerte sich ein BBC-Journalist, dass »TV-Crews bereits Sekunden nach der Explosion vor Ort filmten«, während UNO-Helfern und selbst Ärzten der Zutritt verweigert wurde und die offiziell 197 Opfer innerhalb von 25 Minuten abtransportiert waren. Beobachtern fiel zudem auf, dass der Markt zur Zeit des Vorfalls geschlossen war (siehe Video unten).

Zum Vorfall von 1995 berichtete die Londoner Sunday Times, dass britische und französische Munitions­experten die Serben für »unschuldig« hielten, jedoch »von einem hohen US-Offizier überstimmt« wurden. Die NATO-Luftangriffe begannen innerhalb von weniger als 48 Stunden.

US-Professor Yossef Bodansky, langjähriger Direktor der US Congressional Task Force on Terrorism and Unconventional Warfare, beschrieb diese Vorfälle später als »professionell inszenierte Horror­spektakel« mit Einsatz von Leichen kürzlich gefallener bosnischer Soldaten.

Im Folgenden finden sich die wichtigsten Artikel aus der damaligen Zeit von Journalisten, die die unveröffentlichten UNO-Berichte einsehen oder mit Beteiligten darüber sprechen konnten:

Als der Auslandschef der Schweizer Weltwoche den obigen Text von Peter Brock unter dem Titel »Bosnien: So logen Fernsehen und Presse uns an« 1994 auf Deutsch veröffentlichte, gab es derart starke Proteste durch andere Medien, dass er ein vorläufiges Schreibverbot zu Bosnien erhielt.

Zwanzig Jahre später wurden die bosnischen Markale-Massaker von 1994/95 wieder in Erinnerung gerufen, als sich Giftgas-Angriffe im Rahmen des Syrienkrieges als fragwürdig herausstellten und wie damals Unter­suchungs­ergebnisse der UNO bzw. OPCW unterdrückt wurden.


Der Markale-Vorfall vom Februar 1994
Quelle: BBC, The Death of Yugoslavia, 1995

3. Der »Genozid von Srebrenica« (1995)

Als trauriger Höhepunkt des Bosnienkriegs gilt der »Genozid von Srebrenica« im Juli 1995. Dabei sollen laut westlichen Angaben, die ursprünglich auf einen Bericht der US-Regierung zurück­gehen, mehr als 8000 bosnische Zivilisten umgebracht worden sein.

Laut Phillip Corwin, dem ranghöchsten zivilen UNO-Vertreter in Bosnien während des Krieges, deutet die tatsächliche Evidenz jedoch auf einen komplexeren Sachverhalt und Kontext hin. Corwin nannte die offizielle westliche Darstellung zu Srebrenica eine »Verzerrung«.

Der US-Politologe Edward Herman und der ehemalige CIA-Offizier Robert Baer, der damals in Jugoslawien operierte, sprachen in diesem Zusammenhang sogar von einem »Betrug«.

Für weitere Details sei beispielsweise auf folgende Artikel und Dokumentationen verwiesen:

Generell müssen auch Ereignisse mit sehr hohen berichteten Opferzahlen bisweilen kritisch hinter­fragt werden. Dies zeigte etwa das »Timisoara-Massaker« von 1989 mit angeblich 4630 Toten, das sich später als psychologische Operation im Rahmen der rumänischen Revolution herausstellte.


Srebrenica: A Town Betrayed (Norwegische Doku, 60 Minuten, 2010)

4. Kosovo: »Hufeisenplan«, »Račak-Massaker«, und mehr (1999)

Nach der Abtrennung von Slowenien, Kroatien und Bosnien starteten die USA und die NATO 1999 einen weiteren Krieg gegen das verbleibende Jugoslawien bzw. Serbien zur Abtrennung der Provinz Kosovo. Auch dieser Krieg musste durch Propaganda und Desinformation begründet werden.

Dazu wurden insbesondere angebliche Vertreibungspläne, Konzentrationslager und Massaker medial thematisiert, die sich später jedoch als falsch oder fragwürdig herausstellten. Beispiele hierfür sind etwa der angebliche »Hufeisenplan« sowie die Vorfälle von Račak und Rogovo.

Im Falle von Račak etwa kamen finnische Forensiker zum Ergebnis, dass Gefechtstote der UCK-Miliz umplatziert, umgekleidet und als zivile Exekutionsopfer ausgegeben wurden.

Nach dem Krieg erklärte der Chef einer amerikanischen PR-Agentur, die solche zweifelhaften Darstellungen aus dem Kosovo verbreitet hatte, in einem Interview: »Ich muss sagen, als die NATO 1999 angriff, haben wir eine Flasche Champagner aufgemacht.«

Für weitere Details wird im Folgenden die WDR-Doku »Es begann mit einer Lüge« von 2001 gezeigt. Diese dokumentiert, wie westliche Politiker und Militärs bewusst Falschinformationen veröffentlichten, um den Krieg auch ohne UNO-Mandat legitimieren zu können.

Siehe auch:


»Es begann mit einer Lüge« (Doku, WDR, 2001)
Dokumentation zur Sendung (AKF Heidelberg)

Weiterführende Literatur zu Propaganda im Jugoslawienkrieg

Deutsch:

Englisch:


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