Erfahrungsbericht eines Journalisten

Wie entsteht der Mainstream in den Medien? Woher kommt die Propaganda? Im folgenden Beitrag spricht erstmals ein Schweizer Top-Journalist über seine langjährigen Erfahrungen.

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Die Tunnelperspektive der «Mainstream-Medien»:
Wie es drinnen wirklich ist

Gastbeitrag eines Schweizer Journalisten

Januar 2018

Das Geständnis

Ich bin selbst schuldig, Teil des Systems zu sein oder zumindest das Spiel mitzumachen. Zwar versuche ich seit fast zwanzig Jahren mit allen erdenklichen Mitteln den Mainstream um alternative Perspektiven und unabhängige Stimmen zu bereichern. Sie mögen vereinzelt wahrgenommen werden, aber am Ende gehen sie im Mainstream-Lärm meist unter.

Der Ausstieg aus den Mainstream-Medien war für mich bisher nur eine Option für den Fall, dass ich es nicht mehr aushalten sollte. Soweit, dass ein Einzeljournalist nicht mehr publizieren kann, was er für richtig hält, wollte ich es nicht kommen lassen. Nicht in einer Demokratie.

Meine Strategie war immer, drinnen die subtile Gegenstimme zu sein, immer so weit zu gehen wie möglich. Als Redaktionsmitglied und Ressortleiter habe ich über Jahre versucht zu verstehen, wie Entscheide, in diese oder jene Richtung zu publizieren, zu Stande kamen – und wie ich sie beeinflussen konnte, ohne als zu konträr oder destruktiv zu gelten.

Natürlich habe ich riskiert, die rote Linie zu überschreiten und habe sie auch überschritten und dafür gebüsst. Ich habe den Chefredaktoren und anderen Ressortleitern gesagt, wenn ich ihre Thesen falsch fand, ich habe argumentiert, gestritten, resigniert. Für die einen galt ich als Gewissen der Redaktion, an anderen perlte alles ab und weitere versuchten mich zu untergraben. Wenn der Alltag unerträglich wurde, half meistens ein Redaktionswechsel. So arbeitete ich bereits für diverse Schweizer Tages- und Wochenzeitungen, das Fernsehen, Agenturen und weitere Medienformate.

Nun möchte ich möglichst anschaulich darstellen, was mich zu meinen Schlussfolgerungen führte.

Entscheide ohne Verantwortung

Auf die Frage, wieso die Medien oft voller einseitiger Berichte mit Tunnelblick sind, gibt es keine einfache Erklärung, aber ein paar fassbare Gründe. Nach zwei Jahrzehnten auf Redaktionen aller Formate weiss ich, wie Entscheide von Profilierungsgier, Gruppendynamik und Willkür geprägt sind. Und warum sachliche Argumente oftmals Floskeln wie „wir haben exklusiv“, „die anderen Medien haben“, oder „wir müssen dabei sein“ unterliegen.

Die Entscheidungsprozesse, die zum jeweiligen Fokus und zur Gewichtung von Berichten führen, erscheinen für einzelne Journalisten vielfach beliebig und oft ist unklar, wie sie zustande kamen. Doch die Entscheide basieren auf einer klaren Wertehaltung, die viele Perspektiven ausblendet, sowie einer Quellenlage, die sehr selektiv ist. Verantwortlich für die Entscheide und ihre Konsequenzen fühlt sich sowieso niemand – der Chefredaktor übernimmt bei Beschwerden oder Klagen die Verantwortung aufgrund seiner Funktion.

Dieses Fahrlässige, dieses Diffuse und Beliebige habe ich immer als Wursterei empfunden. Doch die Würste, die herauskamen, waren immer sehr normiert – konform mit einer Weltanschauung, wo schon immer klar ist, wer der Gute und wer der Böse ist. Schliesslich stammen die Quellen, wenn man sich das genau überlegt, vor allem von der „guten“ Seite.

Die vorherrschenden Denkmuster sind schwer zu erfassen. Man ist zum Beispiel nicht treu gegenüber den Regierungsmitgliedern, aber weitgehend gegenüber ihren wichtigsten Interessen. Journalisten spielen gerne auf den Mann. Mit Personalisierungen lassen sich Leser erreichen. So wurde der amtierende Schweizer Wirtschaftsminister massiv angegriffen für das undurchsichtige Steuergeflecht seiner Firma. Seine Wirtschaftspolitik, zum Beispiel der Freihandel, wird aber nie so genau auseinandergenommen.

Fehlerhafte Berichterstattung hat zudem selten Konsequenzen – höchstens ein Korrigendum. Selbst Bundesräte, deren Worte zugespitzt wurden bis hart an die Grenze des journalistisch Zulässigen, sind nach einer Schmollphase gerne wieder mit ihren Botschaften in der Publikation präsent.

Das Grundproblem des Mainstream-Journalismus ist nicht, dass er bewusst einer Ideologie folgt oder bewusst eine Weltanschauung vertritt, sondern vielmehr seine Beliebigkeit, sein vorauseilender Gehorsam und die Selbstzensur, der wichtige Fragen und Quellen entgehen. Die Tunnel-Perspektive ist selbstauferlegt.

Medienhäuser: Mehr oder weniger Angst

Zu vergleichen, wo das Korsett am engsten war, wäre dumm. Die Spielräume sind abhängig von der Art des Mediums (Tages-, Wochenformat) und auch von der Position des Journalisten. Dennoch hat jeder Verlag seine Charakteristika, die das Umfeld der Redaktionen prägen.

Nirgends war das Klima der Angst grösser und expliziter als beim grössten privaten Medienhaus der Schweiz. Die Angst vor der nächsten Sparrunde, Umstrukturierung, vor dem unerwarteten Seitenhieb in der Blattkritik. Immerhin gibt es die interne Blattkritik noch, aber sie hat oftmals wenig mit Qualitätsgarantie zu tun – sie dient eher als Führungsinstrument, um aufzubauen und abzuschiessen. Die Journalisten sind in, out oder toleriert.

Wer out ist, wird selten entlassen, sondern im Plenum abgekanzelt oder ignoriert – aber nie so systematisch, dass es offensichtlich ist für die Mehrheit. Meistens setzt sich niemand für die Attackierten ein. Die meisten sind froh, dass sie nicht selbst an der Reihe sind.

Das zweitgrösste private Medienhaus der Schweiz ist menschlich und auch finanziell grosszügiger. Es lag lange mehr Individualismus drin, schräge Vögel waren toleriert, die Redaktion lange weniger homogen als anderswo, was allerdings auch Extreme förderte.

Bei diesem Medienhaus herrschte weniger Existenzangst, aber umso mehr Beliebigkeit. Jede neue Chefredaktion scheint für eine Mission ausgewählt worden zu sein, um „das Volk zu erreichen“ und die Marke vor dem Niedergang zu retten. Im Ausland- und Politikteil werden die etablierten Meinungen gerne zugespitzt – Aufmerksamkeit um jeden Preis.

Auch die Unternehmens-Interessenpolitik ist gnadenlos: In der Wirtschaft sind die Freunde des Konzernchefs publizistisch penetrant begleitet worden. Hochgeschrieben werden mussten wegen „oben“ gewisse Mode- und Uhrenfirmen befreundeter Unternehmer. Auch einige Banken- und Pharma-Chefs erhielten aus demselben Grund immer wieder einen prominenten Platz.

In der News-Abteilung des öffentlichen Rundfunks dominiert die Angst der Leiter, zu „links“ oder angreifbar zu sein. Darum sind die News immer ein Mitschnitt von allem – nicht mehrheitsfähige Beiträge kommen nicht auf den Sender.

Das Eigenständige in den Magazin-Formaten ist manchmal originell, aber oft irrelevant, und nie konträr. Eine der am tiefsten recherchierenden Sendungen brachte sogar den syrischen Präsidenten vor die Kamera, aber dem gängigen Narrativ konträre Fragen wurden dann doch nicht gestellt.

Nirgends wollen die Redaktoren so bestätigt werden und gefallen wie beim TV. Was beim verbreiteten Typus Narzisst auch nicht ankommt, das ist Kritik. Es ist immer sehr aufschlussreich von Kameraleuten und Cuttern zu erfahren, wie sie von Redaktoren behandelt werden. Die TV-Entscheidungs­träger und viele Redaktoren halten ihren Journalismus dem der Printredaktionen für weitaus überlegen.

Verlassen kann man ein solches Umfeld immer. Viele hielten es schlicht nicht mehr aus, arbeiten nun in der PR. Andere schreiben was sie wirklich denken für eines der leserfinanzierten Online-Magazine. Solange ich im Mainstream immer wieder in eine eigene Richtung schwimmen kann, bleibe ich.

Journalismus zwischen Chaos und System

Teil eines Systems zu sein – über diese Vorstellung würden viele Journalisten lachen. Der Alltag auf den Redaktionen ist meistens so unsystematisch, so beliebig und chaotisch, dass die Vorstellung einer Systematik geradezu absurd erscheint.

Man kann der breiten Palette der Journalisten und Journalistinnen vieles vorwerfen. Aber, wenn sie merken würden, dass sie offensichtlich gesteuert würden oder einem vorgegebenen Narrativ folgen müssten, dann hätten wohl viele genügend Rückgrat und Know-how, um sich zu widersetzen.

Dass sie bereits Teil eines bestimmten Narrativs sind und gewisse Denkmuster verinnerlicht haben, dieses Bewusstsein fehlt jedoch weitgehend.

Das ist besonders auffällig in der Auslandberichterstattung. Dort herrscht die US-EU dominierte Sicht- und Erklärweise der Weltereignisse vor. Ich fragte mich über die Jahre oft, mit wem die Korres­pon­denten vor Ort sprechen und sich auseinandersetzen.

Nicht die westlich orientierten Eliten, aber die lokalen Intellektuellen haben gerade in den Ländern Asiens vor dem Hintergrund ihrer eigenen Grosskulturen ganz andere Lesearten der globalen Entwicklung.

Aber schon die Selektion der Korrespondenten – sie müssen sich meistens auf der Redaktion bewiesen haben – setzt der Offenheit gegenüber anderen Perspektiven Grenzen.

Das Hauptproblem der Auslandleiter sind nicht Korrespondenten, die zu „faul“ sind, um ausserhalb des Büros zu recherchieren. Viel einschneidender ist, dass Auslandressorts zusehends an Bedeutung verlieren und ihre Mittel reduziert werden. Das bedeutet, dass zwar Artikel aus den Hotspot-Regionen Platz erhalten. Ein noch so guter Bericht über ein Land, das gerade nicht im Rampenlicht steht, ist intern schwierig zu verkaufen.

Die Verantwortlichen müssen gegenüber Korrespondenten, von denen immer weniger ein Fixum haben, unverbindlich bleiben. Alle Stories, die nicht „zwingend“ sind wegen aktuellen Ereignissen, sind Manövriermasse. Die Frage, was „zwingend“ ist, ist ein Thema für sich. Meistens sind Berichte, die an ein Grossereignis (Anschlag, Wahlen) geknüpft sind, zwingender als Berichte, die inhaltlich oder journalistisch überragend sind.

Vor diesem Hintergrund haben es Berichte mit eigenständigen Perspektiven oder solche, die nicht die „zwingenden Erwartungen“ erfüllen, schwierig. Korrespondenten haben entsprechend wenig Anreiz, solche Stories anzupacken.

Auch die Inland/Politik-Ressorts sind voller „zwingender“ Ereignisse (Wahlen, Parlaments- und Bundesratsentscheide, Naturereignisse). Allerdings wird der News- und Primeur-Charakter ebenfalls stark gewichtet. Eine Definition dafür, was „News“ und was ein „Primeur“ ist, habe ich noch nie gesehen. Es scheint dazu einen gewissen Konsens zu geben. Oder zumindest reagieren die Redaktionsleiter auf eine bestimmte Art von News sehr positiv. Berichte oder Interviews beispielsweise, die von Nachrichtenagenturen und der Konkurrenz nachgezogen, d.h. übernommen, werden, sind per se gut – weil das Werbung in eigener Sache ist.

Ein Primeur, der einen „Nachzug“ generiert, kann ein sehr breit und tief recherchierter Bericht sein, der etwas wirklich Neues, Relevantes zu Tage fördert. Das ist es aber leider oft nicht. Es gibt viel einfachere Wege, solche Primeurs zu schaffen. Am einfachsten ist es, eine neue repräsentative Studie zu verwerten oder selbst eine solche in Auftrag zu geben. Oft sind Primeurs auch exklusiv gesteckte Geschichten – durch PR-Berater oder PR-Abteilungen von Parteien, Politikern, Unternehmen oder Institutionen. Ob es eine journalistische Leistung ist, wenn Journalisten oder Chefredaktoren der auflagenstärksten Zeitungen so etwas „gesteckt“ erhalten, lasse ich gerne offen.

Meistens werden solche Deus-Ex-Machina-News in grossen Redaktionssitzungen auch nicht präsentiert, geschweige denn zur Diskussion gestellt. Hinterfragen kann der Einzeljournalist so erhaltene Stories schon, aber gemäss meiner Erfahrung sind solche „Exklusiv-News“ gesetzt, Fragen werden ignoriert.

Es wird immer noch debattiert in den Redaktionssitzungen. Aber die Dauer der Diskussionen hat abgenommen. Oft geht es um Detailfragen, seltener um Grundsätzliches. Die Frage, was ist uns für diese Ausgabe wichtig, wird nie gestellt. Immerhin gibt es ein Bewusstsein, dass Konzerne ihre Interessen vertreten, und dass Journalisten keine Konzern-PR machen sollen. „Das ist eine PR-Story“, diese Beurteilung gibt es immer wieder.

Doch wo PR anfängt – diese Grenze ist flexibel. Wenn ein schwer erreichbarer Konzernchef einem Ressortleiter oder Chefredaktor ein Interview geben will, dann fühlen sich die Auserwählten geadelt. Auf führende Finanzblätter gehen die Wirtschaftsleader bzw. ihre Sprecher direkt zu – natürlich nur dann, wenn sie etwas platzieren möchten. Bei anderen Medien waren es über die Jahre vermehrt die Verlagschefs, die Interviews vermittelten. Bei manchen Verlagen sitzen die Vertreter von Banken und Konzernen bereits im Verwaltungsrat.

Es ist nicht so, dass sich die für die Interviews auserwählten Journalisten zensurieren liessen – sie kämpfen auch für Aussagen, die die Kommunikationsabteilungen im Nachhinein streichen möchten. Doch es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, gewisse Fragen zu stellen.

Die Steuerung der Journalisten ist so subtil, dass viele den Vorwurf nicht ernstnehmen könnten, dass sie auf vielen Ebenen manipuliert oder zumindest eingeschränkt sind.

Woher kommen die Stories und wieso werden sie publiziert

Grob geschätzt sind die Themen bei über Dreiviertel der Berichte in Online- und Tagespublikationen durch aktuelle, äussere Ereignisse/Mitteilungen initiiert bzw. beeinflusst worden. Die Nachrichten­agenturen sind weitgehend reaktiv organisiert. Wenn also eine Mitteilung, Medien­konferenz etc. hereinkommt, dann kommt auch ein Bericht raus, Eigenständiges hat zweite Priorität.

Bei Wochenpublikationen richten sich die Themen etwas weniger (etwa zu Zweidrittel) nach aktuellen äusseren Ereignissen – und wenn, dann mit dem Ziel, die Begebenheit eigenständig weiterzudrehen.

Kriterien für die Relevanz eines äusseren Ereignisses und Berichterstattung darüber sind Nähe, Grösse, Aussergewöhnlichkeit und Folgeeffekte für das eigene Land: Wahlen in den USA, grossen EU-Staaten oder Iran, Terroranschläge in Frankreich oder Bundesratsentscheide fallen in diese Kategorie. In den klassischen Relevanzkriterien keinen oder wenig Platz finden z.B. Terroranschläge mit heimischen Opfern in Somalia oder Wahlen in Peru.

Da Ausland-News vor allem von amerikanischen, deutschen, englischen und französischen Agenturen (AP, Reuters, AFP, DPA und Schweizer Partnerin SDA) in die Redaktionen und an die Korrespondenten fliessen, ist die Grösse, Nähe etc. aus der Sicht dieser Staaten definiert.

Auch für kleinere Ereignisse gibt es klare Kriterien, oft werden sie aber nicht klar ausgesprochen. Bei etlichen Tages- und Wochenzeitungen habe ich zudem erlebt, dass auf grosse Inserenten Rücksicht genommen wurde, indem man freundliche Texte verfasste und Kritik blockierte.

Abläufe auf der Redaktion

Die vorbereitenden Redaktionssitzungen sind oft nach grossen aktuellen Metathemen und den Stories aus den Ressorts aufgebaut. Der Vorgang ist wie auf einem Bazar, wo die Ressortleiter die einzelnen Ideen auf den Markt werfen. Bevor eine Story gesetzt ist, fragt der Chefredaktor, was zu den aktuellen Themen vorhanden ist und was Wichtiges vergessen wurde.

Ein solches Thema, „zu dem wir unbedingt etwas haben müssen“, sind aktuelle Debatten, kürzliche oder erwartete Ereignisse oder eine Story mit Einschaltquoten, die Konkurrenten angestossen haben. Manchmal ist es auch eine prominente Person, die noch nichts gesagt hat zu einem Thema – die „wir zuerst haben wollen“.

Darüber, was Schwerpunktthemen sein können, herrscht weitgehend Konsens. Bei der Gewichtung ist Relevanz, Einschaltquote (Promis, Kontroverse, Ausland ist meistens zu weit weg von den Leuten) ausschlaggebend, weniger die Ausgewogenheit der Story. Es kommt regelmässig vor, dass Stories während der Recherche von Konkurrenten „abgetischt“ werden, und deshalb gekippt werden.

Das Gefühl der Beliebigkeit entsteht, wenn am Morgen (Tageszeitung) oder Dienstag (Sonntags­publikation) „Die Themen“ zu stehen scheinen, sie aber bis am Abend oder Freitag vom Tisch sind. Manchmal ist das berechtigt wegen neuen Entwicklungen, oder wegen Recherchen, die im Sande verlaufen. Oft wechseln die Prioritäten jedoch, weil der Chefredaktor plötzlich etwas anderes wichtiger findet. Beispielsweise eine Story, auf die er selbst gekommen ist. Transparenz über solche Entscheide oder klare Kriterien gibt es nicht.

Im Sinne der freien Presse sind die einzelnen Journalisten selten in der Lage, verbindliche Zusagen darüber zu machen, dass erhaltene Infos auch erscheinen werden. Das ist eigentlich ein Zeichen für die journalistische Unabhängigkeit. Aber oft ist Unverbindlichkeit auch notwendig, weil die Führung chaotisch und konzeptlos ist. Die Situation, dass ein Journalist jemanden kurzfristig aufbietet für ein Interview, dieses dann aber nicht erscheint, ist normal.

Im Gegenzug ist aber auch der Fall häufig, dass eine Story oder ein Interview gesetzt ist, egal was. Alles was mit hiesigen IS-Anhängern zu tun hatte, war die letzten Jahre gefragt – egal wie lau und ob „more of the same.“ Die Begründung für eine Story ist oft nicht nachvollziehbar, wer nachfragt, wird abgewiegelt. Dass sich ein Ressort zusammen für eine Story stark macht, kommt selten vor. Als Kompromiss lässt sich eine Story immer auf 60 Zeilen zusammenkürzen.

Die Stories der sogenannten Recherche-Desks, Investigativteams und Autorenpools müssen selten um Platz oder Zeit kämpfen. Sie sind auch selten an die Aktualität gebunden. Seit einigen Jahren sind diese Teams Prestigeprojekte der Verleger. Sie erhalten mehr Mittel und Datenspezialisten. Dadurch, dass diese Teams zumeist international vernetzt sind, z.B. mit Lena (Europäische Medienallianz), kommen sie auch an Recherchen von internationalen Journalisten.

Die Förderung und die internationale Kräftekonzentration von Investigativ-Journalismus wäre eigentlich ein guter Ansatz zur Qualitätssteigerung. Leider führen die Produkte auch zu einer internationalen Gleichschaltung der Stories. Als ob es nicht bereits ausreichen würde, dass die nationalen Berichte oftmals sehr ähnlich bis deckungsgleich sind.

Es wäre überdies interessant zu untersuchen, wessen Interessen die international koordinierten Recherche-Stories dienen, und was die „Bösen“ dieser Stories gemeinsam haben oder was nicht.

Für den einzelnen Zeitungsjournalisten gilt: Wer eine zündende Idee mit Rechercheresultat und guten Zitaten hat, bringt seine Story durch. Mindestens die Hälfte der Redaktoren ist aber zu stark damit beschäf­tigt, die aktuellen Musts oder Abklärungen zu erledigen, um selbst eine Story entwickeln zu können.

Es gibt verschiedene Strategien: Journalisten, die wenig selbst entwickeln, aber Ideen/Inputs der Chefs ausführen, können am ehesten mit prominenter Platzierung rechnen – Absatzgarantie. Was in der eigenen Kompetenz der Journalisten ist, und was vorgegeben ist, ist also sehr individuell.

Deutlich weniger gefragt als bei den Printmedien sind eigene Ideen beim Fernsehen: Das hat einerseits mit dem Filmaufwand und den vielen Produktionsschritten zu tun, wo Teamarbeit Sinn macht. In den TV-Newsabteilungen werden Story-Ideen auch von Inputern eingebracht, die quasi den Überblick über die News-Lage haben. Es handelt sich dabei um erfahrene Journalisten, deren Kernkompetenz nicht das TV-Handwerk ist.

Andererseits sind bei der Entwicklung der Story sehr viele Leute beteiligt (Inputer, Ressortleiter, Produzent und Chefredaktor der Sendung), die auch noch mitreden und sich quasi im Ergebnis sehen wollen.

Die Entwicklung eines TV-Beitrags ist ein langer Prozess, bei dem der Redaktor seine Idee verfeinern kann, oder sie aber verwässert wird. Beim TV gibt es mehr handwerkliche Gründe als anderswo, wieso sich erste Story-Ideen nicht umsetzen lassen (z.B. visuell unattraktiv). Der eigene Gestaltungsspielraum der TV-Journalisten ist deutlich geringer als bei den Print-Journalisten.

Deutungsmuster

Die Einordnung von Ereignissen und Entwicklungen geschieht in den Massenmedien nicht mit einem verbindlichen Deutungsmuster – weil es ohne verbindliche Haltung (siehe oben) auch kein Deutungs­muster geben kann.

Nichtsdestotrotz herrschen aufgrund der Quellenlage bestimmte Denkstrassen vor, von denen der einzelne zwar abweichen kann, aber nur ab und zu, nie systematisch. Bei internationalen Konflikten wie in der Ukraine oder Syrien dominiert die Sicht der USA. Bei Terroranschlägen dasselbe.

Woher Propaganda kommt

Es besteht keinerlei Bereitschaft/Anlass, die bestehenden Feindbilder zu hinterfragen. Aufgrund der Verarbeitung der Informationsflut, vor allem aus dem Ausland (Agenturen), bleibt keine Zeit für Grundsätzliches. Für Auslandressortleiter ist das Briefing und Updating der Korrespondenten teilweise sehr aufwändig. Ein langjähriger US-Korrespondent z.B. brauchte stundenlanges Zureden, damit er das Büro verliess, um in der Realität zu recherchieren.

Während der Ukrainekrise waren zwar Interviews und Artikel aus russischer Sicht erlaubt, sie gingen aber in der Konsensmeinung unter. Und sowieso glaubt man die Sicht der anderen Seite immer schon zu kennen, da muss man nicht noch tiefer gehen. Der Propaganda wird nur die „böse“ Seite bezichtigt.

Zur Gleichschaltung bei den Quellen und Perspektiven tragen auch die neuen internationalen Netzwerke bei. So druckte das grösste Schweizer Medienhaus unter anderem Auslandberichte der Welt/Welt am Sonntag ab, heute werden vornehmlich Berichte aus der Süddeutschen in der Schweiz zweitverwertet. Geliefert wurde z.B. eine Reportage darüber, wie die Putin-Jugend in Camps nationalistisch gedrillt wird – das bedient alle Klischees von Russlands Propaganda-Krieg.

Über legitime Quellen herrscht weitgehend Konsens

Neben den handelsüblichen Quellen, den Agenturen und nationalen Konkurrenzmedien/-portalen, gehen Journalisten Auskunftsquellen auch direkt an. Es zählt: Wer bringt News und Klicks (Prominenz, knackige Aussagen). Bei den Experten: Wer macht nicht zu viel Aufwand, wer war nicht schon überall zum jeweils aktuellen Thema. Beim TV geht es auch darum, wer kameratauglich ist und etwas sagt, das wir brauchen können.

Die Wahl weniger bekannter Quellen muss begründet werden. Öfters basieren Stories auf anonymen Quellen. Diese werden aber im Normalfall sauber geprüft, bei heiklen Aussagen gibt es Doppelchecks.

Bei den sozialen Medien ist Twitter als Quelle sehr verbreitet. Allerdings ist der Twitter-Kreis, dem einzelne Journalisten in Mainstreammedien folgen, ziemlich eng – man folgt den anderen in der Branche und den Twitter-Kanälen von Mainstreammedien. Zum Teil sind die Gefolgten deckungsgleich – Journalisten mit originellen Twitter-Quellen sind rar. Twitter wird auch zum Werben für die eigenen Publikationen genutzt. Man folgt, wer einem folgt – de facto ist das ein geschlossener Kreis.

Der öffentliche Rundfunk ist sehr akribisch mit der Zeit, die einzelnen Partei-Quellen gewährt wird, besonders vor Abstimmungen. Die Zeitungen versuchen ebenfalls alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Am Ende erhalten aber nur jene Politiker Platz, die etwas Spannendes oder Kontroverses zu sagen haben.

Die eigenen Korrespondenten-Netzwerke der Zeitungen sind die letzten Jahre massiv geschrumpft – eine versiegende Quelle. Die Korrespondenten-Artikel gelten oft als Manövriermasse, wenn es ums Sparen geht. «Wir können auch die Agentur nehmen…», heisst es dann. Korrespondenten, die Publikationen oder Aufträge der Redaktion hinterfragen, sind rar – wer sägt schon am dünnen Ast, auf dem er sitzt.

In der Auslands- bzw. Wirtschaftsberichterstattung werden Spiegel-Online, Die Welt, Die Süddeutsche, die Financial Times, der Economist, der Guardian, die New York Times, und das Wall Street Journal konsultiert. Systematisch bearbeitet werden diese internationalen Medien in erster Linie von Chefredaktoren und Ressortleitern. Da geht es nicht nur um das Informieren, sondern auch um das Inspirieren bzw. Kopieren.

Dass eigene Themen oder spannende Thesen, die die New York Times publiziert hat, zwei bis drei Wochen später 1:1 in einer Planungssitzung vorgeschlagen werden, kommt oft vor. Chefredaktoren zeigen sich meistens begeistert und machen nicht den Anschein, dass sie das schon gelesen haben. Wer darauf hinweist, dass das eine Kopie ist, macht sich entsprechend unbeliebt.

Ob das eine bewusste Orientierung an solchen Leitmedien ist, ist fraglich. Es ist wohl eher eine unbewusste Orientierung verbunden mit mangelndem Ehrgeiz und Zeit, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Aber es ist wahrscheinlicher, dass sich die leitenden Redaktoren zu wenig über Auslandmedien informieren, als dass sie sich zu stark davon beeinflussen liessen.

Um die Jahrtausendwende waren Redaktionen ein Paradies mit verschiedensten Publikationen, in denen man rumschmökern konnte. Inzwischen bestellen die Redaktionen immer mehr Publikationen ab – die oftmals nicht mit einem Online-Zugang ersetzt werden.

Um manche Quellen müssen sich Journalisten nicht selber bemühen, sie kommen von selbst. Bei wirtschaftlichen Ereignissen kommt es öfters vor, dass PR-Agenturen der jeweiligen Akteure die Medien füttern. Ihre eigenen Interessen vertreten auch Verwaltungsräte, die off-the-record Informationen an Journalisten weitergeben. Beliebte Infoquellen sind auch manche Politiker. Mit deren „exklusiven“ Informationen über geplante politische Vorstösse lassen sich ganze Sonntags­zeitungen füllen.

Für internationale Berichte kommen auch Nichtregierungsorganisationen (NGO) vor Ort zu Wort, allerdings oft nur mit Ergänzungen von Beispielen und Schicksalen. Die politischen Ansichten der NGO werden meist nicht transportiert. Wenn ein Auslandbericht etwas tiefer geht, dann wird oft personifiziert – Schicksale lassen sich relativ apolitisch abhandeln.

Welche Quellen tabu sind

Eine rote Linie bei den Quellen gibt es nicht explizit. Vielmehr ist Selbstzensur üblich, indem man nicht die Quellen fragt, die total gegen den Strom schwimmen. Oft sind Quellen auch nur „die üblichen Verdächtigen“ – man klappert diejenigen ab, die man schon immer abgeklappert hat. Daher gleichen sich die Berichte zwischen den Medien auch sehr. Eine Art rote Linie gibt es für den Platz, den man einräumt. Den meisten Platz erhalten nicht die Systemkritiker, sondern jene, die die Allgemeinmeinung nicht zu fest angreifen.

Klare Hierarchien trotz Kumpelhaftigkeit

Die Hierarchien spielen auf manchen Redaktionen eine sehr starke Rolle. Auch wenn sich die Vorgesetzten sehr offen geben: Entscheide von Ressortleitern, geschweige denn von Chefredaktoren werden kaum hinterfragt. In allen Medien machen Blattmacher, Art Directors und Ressortleiter mitunter die meiste Vorarbeit, können konträre Ansichten aber nicht gegen den Chefredaktor und seine ein bis zwei loyalen Mitarbeiter (z.B. Stellvertreter) durchsetzen – sofern sie nicht sowieso nur den Chefredaktor bestätigen. Oft setzen die unteren Kaderstufen die Wünsche ihrer Chefs härter durch als ihre Vorgesetzten es selbst würden (vorauseilender Gehorsam, absolute Loyalität in der Hierarchie). Ein echtes internes Korrektiv ist inzwischen die Ausnahme.

In die Mainstreammedien geht man nicht, um viel Geld zu verdienen. Die Löhne sind vergleichsweise tief. Nur in wenigen Kaderposten sind sie lukrativ. Wer sich die sich stets verschlechternden Arbeitsbedingungen (schrumpfende Lohnnebenleistungen, immer längere Arbeitszeiten) antut, macht dies am ehesten aus Überzeugung oder aber aus Profilierungslust.

Journalist kann sich jeder nennen, und so manche Leute denken, das Metier könnten sie auch. Tatsache ist aber, dass die Qualität der Ausbildung durch neue Studiengänge in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Die heutigen Journalismus-Lehrgänge sind sehr umfassend: von Recht, Ethik, Multimedia, Genres, bis zu Stil etc. wird sehr vieles vermittelt.

Jungjournalisten müssen sich meistens abverdienen mit mühsamen Umfragen und Zudienen, bevor sie etwas Eigenes machen können. Immer öfters steigen Praktikanten nicht mehr mit Feuer und Flamme in den Journalismus ein. Weil viele von ihnen Journalismus zusammen mit PR studiert haben, ist es typisch, dass sie offen lassen, ob sie sich mit ihren Kommunikationsfähigkeiten im Journalismus oder in der PR weiterentwickeln möchten.

Die Selektion von Jungen ist leistungsorientiert, aber auch immer abhängig von der Zusammensetzung der Teams. Wer ein Journalismus-Studium und Journalismus-Praktika ausweist, hat gute Chancen. In der Praxis wird schnell klar, wen man „brauchen“ kann. Wer einmal im Journalismus „gelandet ist“, braucht ein gutes Netzwerk und einen guten Ruf. Die Leistung ist nicht mehr so wichtig, mehr zählt, „wer passt“. Chefredaktoren stellen viele ihrer Ex-Kollegen an – der Kuchen der erfahrenen Journalisten ist relativ klein.

Kaderpositionen gehen nicht unbedingt an die besten Schreiber, sondern an jene, die zwar gut sind, aber wenig polarisieren. Wer den Ressortleitern und Chefredaktoren inhaltlich zu stark widerspricht, fördert seine Aufstiegschancen nicht. Wer „gefällt“ hat es einfacher aufzusteigen. Chefredaktoren machen in der Blattkritik und in Sitzungen etwas „verpackt“ klar, was sie mochten und was nicht.

Endzeitstimmung

Der Arbeitsdruck und die Angst vor Jobverlust auf den Redaktionen sind überragend. Es handelt sich um eine Branche, in der die meisten davon ausgehen, dass sie nur noch schrumpft und weniger befriedigender zum Arbeiten wird. Die Vorgabe, mehr zu sparen, ist bei den führenden Schweizer Medienhäusern seit zwei Jahrzehnten omnipräsent. Manche Redaktionen sind bereits sehr ausgedünnt. Zehn- bis zwölfstündige Arbeitstage gelten als normal. Die Überzeit aufschreiben können Journalisten in den Printmedien selten.

Das Sparen hat Folgen: Selbst Chefredaktoren und Ressortleiter, die Mehrwert liefern wollen, müssen sich mit dem reinen Abfüllen von Seiten mit Agenturen oder second class Stories zufrieden geben. Erfahrene Journalisten versuchen first class stories mit möglichst wenig Aufwand vorzuschlagen. Man weiss, was zieht – wieso vom Bewährten abrücken?

Die meisten seilen sich bevor sie 50 werden in die PR ab. Das Angebot von gutbezahlten PR-Jobs ist für erfahrene Journalisten gross. Der Spruch: «jetzt gehe ich dann in die PR, weil das was ich hier mache ist nicht viel anders, einfach schlechter bezahlt», ist nicht unüblich.

Wer die Überzeugung hat, mit Journalismus etwas bewirken zu können, ist sehr jung, oder wird ausgelacht von der Mehrheit.

Vordergründig herrscht in den Mainstreammedien kompletter Meinungspluralismus – abgesehen von Einzelfällen tun sich Journalisten kaum mit festen Überzeugungen hervor: Man ist für alles offen, suspekt ist, wer eine Haltung hat und konsequent aus dieser Haltung berichtet. Die Journalisten mit einer konsequenten Weltanschauung sind rar. So wie man persönlich bei niemandem anecken will, zeigt man auch journalistisch keine Kanten, womit man polarisieren könnte.

Hinter den Kulissen verstehen die Verlage ihre öffentlichen Medien immer noch als «vierte Gewalt» im Staat. Aber sie wissen wohl selbst, dass sie diese Schritt um Schritt entmachten – mit ihren Sparstrategien, dem Abbau der Vielfalt etwa durch vereinheitlichte Mantelredaktionen und ihrer Orientierungslosigkeit.

Es ist nicht so, dass es vor 20 bis 30 Jahren auf den Redaktionsstuben keine Selbstzensur, Gleich­schaltung, vorauseilenden Gehorsam und Tunnelblick gegeben hätte. Doch die Rahmen­bedingungen in den heutigen „Redaktions­fabriken“ der Mainstream-Medien fördern geradezu den ideologielosen, opportunistischen, Klick-orientierten Journalismus, dem die wichtigen Fragen entgleiten.

Es ist leider ein Journalismus, der durch die Röhre guckt. Eine geförderte, aber dennoch freiwillige Beschränkung der Perspektive bedroht die Unabhängigkeit der vierten Gewalt mehr denn je.

***

Der Autor ist Schweizer Journalist. Er ist nicht Mitglied der Forschungsgruppe SPR.

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