Venezuela: Es geht nicht ums Erdöl

Flugroute der russischen Tu-160 Langstrecken-Nuklearbomber am 10. Dezember 2018

Februar 2019 (English)

Auch im erdölreichsten Land der Welt geht es nicht ums Erdöl.

Im Beitrag »Die Logik imperialer Kriege« wurde dargelegt, dass die US-Kriege der letzten Jahrzehnte entgegen einer weitverbreiteten Annahme keine »Erdölkriege« waren.

Jugoslawien, Afghanistan und Jemen (die kein Erdöl besitzen) ohnehin nicht, aber auch Irak, Libyen und Syrien nicht: Bei Syrien beruhte die Pipeline-These auf einer einzigen Falschmeldung, das irakische Erdöl wurde nie privatisiert, und die libysche Produktion brach zusammen.

Das Erdöl-Narrativ taucht nun auch im Falle Venezuelas wieder auf, denn Venezuela verfügt über die größten konventionellen Erdölreserven der Welt. Doch auch hier geht es nicht ums Erdöl.

Man sieht dies schon daran, dass die USA längst der größte Abnehmer venezuelanischen Erdöls sind. Und wenn es den USA um die »Kontrolle« des Erdöls ginge, warum ist dann ausgerechnet Venezuela (zusammen mit Bolivien) das letzte von den USA geopolitisch unabhängige Land Südamerikas?

Die geopolitische Logik funktioniert eben gerade umgekehrt: Durch das Erdöl ist Venezuela unabhängig, und diese Unabhängigkeit ist aus amerikanischer Sicht ein Problem. Einerseits ist Venezuela ein politisches, ökonomisches und militärisches Einfallstor für Russland und China, andererseits unterstützt Venezuela weitere »Feindstaaten« wie insbesondere Kuba und Nicaragua.

Durch einen Regimewechsel könnte dieses ganze russisch-chinesische Latino-Netzwerk auf einen Schlag neutralisiert werden, im Idealfall ohne einen Schuss abzugeben – ein geostrategischer Schachzug zur erneuten Durchsetzung der Monroe-Doktrin von 1823.

John Bolton: Befürworter und Gegner des Regimewechsels (28.1.2019)

Als »Beleg« für das Erdöl-Narrativ wird hauptsächlich ein FOX-Interview mit Sicherheitsberater John Bolton angeführt, in dem es um die Situation Venezuelas insgesamt geht. Doch zum Erdöl sagte Bolton lediglich, der »sozialistische Diktator« Maduro habe die Erdölindustrie verfallen lassen, und der »neue Präsident« werde zusammen mit den USA wieder investieren. Eine triviale Aussage.

(Nebenbei: Sowohl Bolton als auch die FOX-Moderatorin sind Mitglieder des Council on Foreign Relations, ebenso der neue US-Sondergesandte für Venezuela, Elliott Abrams. Die positiven Reaktionen der »Trump-kritischen« Medien und Klientelstaaten überraschen daher nicht.)

Das ölreiche Venezuela kann weder den Weltmarktpreis bestimmen noch sein Erdöl einem Land vorenthalten; es ist im Gegenteil auf die Exporterlöse angewiesen. Aus demselben Grund belieferte die UdSSR im Kalten Krieg Westeuropa ohne Unterbruch und ohne jede Drohung.

Der einzige Moment, in dem die militärische Kontrolle von Erdöl relevant wird, ist bei einem aktiven Krieg. Nun ist aber offensichtlich, dass Venezuela in einem Dritten Weltkrieg aufgrund seiner Lage kein Erdöl nach China (oder sonstwohin) liefern wird, ganz egal, wie der Präsident heißt. China wird sein Erdöl in einem solchen Fall aus Russland und Kasachstan beziehen müssen.

(Nebenbei: Chinas größter Erdöllieferant ist derzeit das US-Protektorat Saudi-Arabien.)

Ebenso irreführend ist die Petrodollar-Theorie: Länder wie Irak, Iran, Libyen, Russland oder Venezuela werden nicht zu Feindstaaten, weil sie auf den US-Dollar verzichten, sondern sie (müssen) verzichten, weil sie Feindstaaten sind – und z.B. US-Sanktionen umgehen möchten. (Mehr dazu)

Das Erdöl-Narrativ wird indes gerade auch von russischen Medien gerne verbreitet – offenbar spricht man lieber über gierige Amerikaner als von russischen Einflusszonen in Lateinamerika.

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Publiziert: Februar 2019

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