Propaganda in der Wikipedia

Oktober 2018

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein integraler Bestandteil des transatlantischen Medien- und Informationssystems. In der folgenden Analyse werden zentrale Aspekte ihrer Organisations­struktur, Funktionsweise und Manipulation dargestellt.

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Bedeutung der Wikipedia

Die deutschsprachige Wikipedia verfügt derzeit über rund 2.2 Millionen Artikel, die pro Monat von rund 100 Millionen Geräten knapp 1 Milliarde mal aufgerufen werden. Im deutschsprachigen Raum zählt die Wikipedia damit zu den sieben meistbesuchten Websites und ist bei vielen Internetrecherchen eines der ersten Suchergebnisse und mithin eine der ersten Anlaufstellen.

Im Bereich der Online-Lexika kommt der Wikipedia damit eine zentrale, monopolartige Stellung zu.

Organisation der Wikipedia

Die Wikipedia gilt gemeinhin als ein freies und offenes Lexikon, an dem jeder mitwirken kann. Der Großteil der deutschsprachigen Inhalte wird indes von nur rund 800 Autoren mit über 100 Edits pro Monat verfasst; durchschnittlich erreichen nur einige Tausend Autoren mehr als fünf Edits pro Monat.

Zudem existiert innerhalb der Wikipedia eine strenge Hierarchie, an deren Spitze die derzeit noch etwa 180 Administratoren stehen. Diese entscheiden Konfliktfälle, können Artikel löschen sowie Benutzer sperren. Administratoren werden von den ca. 3000 stimmberechtigten Wikipedianern auf Lebenszeit gewählt, wobei die Stimmbeteiligung meist bei weniger als 10% liegt (ca. 300 Stimmen); die Wikipedia-Administration ernennt und bestätigt sich mithin größtenteils selbst. Trotz ihrer Machtfülle agieren ca. 90% der Administratoren pseudonym, in der Öffentlichkeit ist meist nur wenig über sie bekannt.

Den Administratoren unterstehen bis zu 5000 (aktive) Sichter, die Bearbeitungen von Neu-Autoren überprüfen, freigeben oder rückgängig machen können. Hinzu kommen einige einflussreiche Sonderfunktionen: In der deutschsprachigen Wikipedia sind dies ca. 10 Schiedsrichter, je ca. 5 Bürokraten, Aufseher und Check­user, sowie ca. fünf deutschsprachige (weltweit agierende) Stewards.

Manipulation der Wikipedia

Das Problem der Manipulation der Wikipedia besteht seit deren Gründung. Der Fokus liegt dabei meist auf dem sogenannten »Vandalismus« (Verunstaltung von Artikeln) sowie auf kommerziell motivierter Manipulation durch Konzerne, PR-Agenturen und bezahlte Autoren.

Bekannt ist jedoch auch die politische und geopolitische Manipulation durch Aktivisten, Regierungen und Geheimdienste. So wurde bereits 2007 durch den sogenannten WikiScanner nachgewiesen, dass Mitarbeiter der US-Geheimdienste CIA und FBI Wikipedia-Einträge beispielsweise zum Irak-Krieg und dem US-Militärgefängnis in Guantanamo editierten. 2016 wurde publik, dass Schweizer Bundesbeamte kritische Abschnitte aus dem Artikel zum eigenen Nachrichtendienst entfernten.

Inzwischen ist indes offenkundig, dass die Manipulation der Wikipedia insbesondere bei geopolitischen und gesellschaftspolitischen Themen nicht mehr nur vereinzelt und »von außen« geschieht, sondern systematisch und »von innen«: Einflussreiche Interessensgruppen haben ihre Akteure in der Hierarchie der Wikipedia als Sichter und Administratoren platziert und können dadurch relevante Artikel gezielt bearbeiten, unerwünschte Bearbeitungen entfernen und unerwünschte Autoren sperren.

Zahlreiche Wikipedianer beklagen denn auch ein aggressives und frustrierendes Klima innerhalb der Wikipedia; die Anzahl der aktiven Autoren ist seit Jahren rückläufig, wodurch politisch oder ideo­lo­gisch motivierte Akteure ihren Einfluss schrittweise ausbauen konnten.

Manipulation durch Netzwerke

Die systematische Manipulation der Wikipedia geschieht durch netzwerkartige Gruppierungen. Diese bestehen aus einigen höchst aktiven Benutzern (oder Benutzergruppen), die zumeist anonym bzw. pseudonym auftreten. Aufgrund von Recherchen unabhängiger Investigativ­journalisten konnten die Mitglieder dieser Netzwerke inzwischen teilweise eruiert werden. Siehe hierzu insbesondere:

Mithilfe der weiter unten vorgestellten Analyse-Werkzeuge lassen sich die umfangreichen Aktivitäten dieser Netzwerke rekonstruieren. Während bei geopolitischen Themen die transatlantische Sichtweise dominiert (zu Themen mit Israel-Bezug siehe zudem hier), besteht bei gesell­schafts­politischen Themen eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit Positionen regierungsnaher Berliner Stiftungen.

Politiker, Publizisten und Forscher mit abweichenden Standpunkten werden in der Wikipedia bisweilen geradezu diffamiert; aufgrund der dargestellten Machtstruktur und der Anonymität können Betroffene im Allgemeinen weder auf die Diffamierungen reagieren noch deren Urheber belangen.

Die systematische Manipulation der Wikipedia ist ein weltweites Phänomen. Ähnliche Operationen wurden bspw. auch in der englischsprachigen Wikipedia aufgedeckt, inklusive Hinweisen auf eine nach­rich­ten­dienstliche Koordination, die auch im deutschsprachigen Raum nicht auszuschließen ist.

Die Rolle der Wikimedia Foundation

Die amerikanische Wikimedia Foundation ist die Trägerstiftung der Wikipedia (sowie weiterer Wiki-Projekte). Sie verfügt inzwischen über jährliche Spenden-Einnahmen von rund 90 Millionen Dollar und ein Vermögen von rund 120 Millionen Dollar. Zu den größten Spendern zählen dabei diverse US-Konzerne sowie einflussreiche Stiftungen, wodurch es wiederholt zu Interessenskonflikten kam. Wiki­media-Gründer Jimmy Wales war ein Young Global Leader des World Economic Forum (WEF) Davos und ist ein privater und geschäftlicher Partner des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair.

Auch die Unterorganisation Wikimedia Deutschland ist einschlägig vernetzt: So war der ehemalige Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland zuvor Vizepräsident für Unter­nehmens­kommunikation bei der Bertelsmann-Stiftung und wechselte danach als Staats­sekretär in die Berliner Landes­regierung. Der im Besitz der Bertelsmann-Stiftung befindliche Bertelsmann-Medien­konzern ist Unternehmenspartner der Atlantik-Brücke und betreibt über den Dienstleister Arvato die sogenannte »Inhaltsmoderation« für das deutschsprachige Facebook.

Seitens der Wikimedia Foundation ist insofern kaum mit Kritik an der (geo-)politischen Ausrichtung und Manipulation der Wikipedia zu rechnen. Liegen jedoch gerichtliche Verfügungen beispielsweise aufgrund von Verleumdungen vor, kann bzw. muss Wikimedia die fraglichen Passagen entfernen.

Die Rolle der traditionellen Medien

Traditionelle Medien sind einerseits häufig verwendete Quellen für Wikipedia-Artikel, andererseits greifen Journalisten für Recherchen bisweilen selbst auf Wikipedia zurück. Hierdurch können geschlossene Informationskreisläufe entstehen, bei denen sich traditionelle Medien selbst bestätigen und alternative Sichtweisen ausgeblendet bleiben, zumal etwa leserfinanzierte Online-Medien von den maßgebenden Wikipedia-Administratoren meist nicht als »relevante Quellen« zugelassen werden.

Traditionelle Medien berichteten verschiedentlich über die Manipulation der Wikipedia durch einzelne Konzerne, Parteien oder Agenturen, nicht jedoch über die systematische (geo-)politische Manipulation. Dies könnte daran liegen, dass traditionelle Medien im deutschsprachigen Raum ihrerseits in trans­atlantische Elitennetzwerke eingebunden sind und deshalb im Allgemeinen dieselben (geo-)politischen Positionen vertreten, die auch in der Wikipedia dominieren.

Amerikanische Social-Media-Plattformen wie Youtube und Facebook haben 2018 zudem angekündigt, bei »umstrittenen Themen« künftig auf entsprechende Wikipedia-Artikel zu verlinken. Damit gewinnt die Wikipedia im transatlantischen Mediensystem zusätzlich an Bedeutung.

Analyse-Werkzeuge

Verschiedene Online-Werkzeuge ermöglichen eine professionelle Analyse von Wikipedia-Beiträgen und ihren Autoren. Zu den wichtigsten Werkzeugen zählen hierbei:

  • WikiWho: Diese am Karlsruher Institut für Technologie und dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften entwickelte Browser-Erweiterung ermöglicht es, Artikel-Autoren sowie kürzlich hinzugefügte und besonders umstrittene Textstellen farblich hervorzuheben.
  • X-Tools: Die X-Tools sind eine von langjährigen Wikipedianern erstellte Sammlung an Analyse- und Statistikwerkzeugen, mit denen sich Benutzerbeiträge, Seitenhistorien und viele weitere Aspekte untersuchen und grafisch darstellen lassen.
  • Wikibu: Wikibu ist ein an der Pädagogischen Hochschule Bern entwickeltes Werkzeug, das die Qualität von Wikipedia-Artikeln anhand formaler Kriterien wie der Anzahl der Autoren, Verweise und Quellen bewertet und zusätzlich auf mögliche Qualitätsrisiken hinweist.

Für den professionellen Umgang mit Wikipedia empfiehlt sich zudem das Studium der öffentlich einsehbaren Diskussionsseiten und Versionsverläufe der fraglichen Artikel.


WikiWho: Wer hat an einem Wikipedia-Artikel mitgewirkt?

Perspektiven

Wikipedia hat sich, wie dargestellt, zu einem integralen Bestandteil des transatlantischen Medien- und Informationssystems entwickelt. Insbesondere bei geopolitischen und einigen gesellschaftspolitischen Themen kann die Wikipedia im Allgemeinen keine objektive Darstellung bieten.

Die Erfolgsaussichten für eine interne Reform der Wikipedia erscheinen bislang gering, da manipulative Gruppierungen ihre Stellung in der Wikipedia-Hierarchie durch mehrjährige, koordinierte, verdeckte und mindestens teilweise extern finanzierte Aktivitäten weitgehend abgesichert haben.

In Bezug auf Wikipedia stehen derzeit somit primär die Aufklärung der Manipulationsstrukturen, die Schulung der persönlichen Medienkompetenz, die Nutzung alternativer Onlineressourcen, der Fokus auf Primärquellen, sowie Maßnahmen im Falle von Verleumdungen im Vordergrund.

»Was mit der Wikipedia geschieht ist ein Skandal. Ich habe früher mitgeschrieben und kann die Diktatur der Admins bestätigen. Es geht nicht um Argumente, sondern um Macht.«
— Ein ehemaliger Wikipedianer

Weiterführende Literatur

Weiterführende Literatur zur Manipulation der Wikipedia (sortiert nach Publikationsdatum).


Publiziert: Oktober 2018 (Aktualisiert)

 

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