Filmtipp: Der Fall Magnitsky

Der britisch-amerikanische Finanzier Bill Browder war in den 90er Jahren der größte Finanzinvestor Russlands. In der Krise von 1998 verlor sein Fonds quasi über Nacht rund eine Milliarde Dollar. 2005 wurde er als »Sicherheits­risiko« des Landes verwiesen. 2009 ereignete sich der »Fall Magnitsky«.

Laut Browder wurde sein Unternehmen von russischen Beamten und Kriminellen entwendet und für einen 230 Millionen Dollar Steuerbetrug missbraucht. Sein Anwalt Magnitsky habe dies aufgedeckt, sei deshalb verhaftet und in einem Moskauer Gefängnis gefoltert und ermordet worden.

Browder lobbyierte in der Folge für den amerikanischen »Magnitsky Act«, der im Jahre 2012 russische Offizielle mit Sanktionen belegte. Der Europarat verabschiedete einen Bericht – verfasst von einem Schweizer Abgeordneten, beworben von einer deutschen Politikerin – der Russland verurteilte.

Regisseur Andrei Nekrasov, ein bekannter Putin-Kritiker, wollte diese Geschichte verfilmen. Doch während der Dreharbeiten kamen ihm Zweifel, denn: Magnitsky war nicht Anwalt, sondern Buchhalter Browders, und er wurde nicht als Whistleblower, sondern als Verdächtiger im Steuerbetrugsfall verhaftet, den Browder mithilfe der Mafia selbst organisiert haben soll.

Der finale Film zeichnet diese überraschende Wende nach. ARTE, das den ursprünglichen Film in Auftrag gegeben hatte, wollte den fertigen Film nicht mehr ausstrahlen. Eine Vorführung im Europaparlament, am Tag der Pressefreiheit 2016, wurde kurzfristig abgesagt, und ein Buch zum Fall von Amazon zensiert. Diesen Sommer ist der Film schließlich eher unbemerkt geleaked worden.

Woran starb Magnitsky im Moskauer Gefängnis wirklich, und wohin flossen die entwendeten Steuergelder? Durch ein Aluminiumgift im Auftrag Browders, und unter anderem in den Wahlkampf von Hillary Clinton – behauptet die Putin-Regierung. Russische Propaganda?

Der Film ist – auf der Meta-Ebene – auch deshalb interessant, weil er eindrucksvoll zeigt, mit welchen Techniken und Effekten gegenteilige Narrative dramaturgisch umgesetzt werden.

The Magnitsky Act: Behind The Scenes (2016, 120 Minuten, EN)

(Backup 1, Backup 2)

Siehe auch:


Publiziert: November 2018

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