Zürcher Herzklinik-Skandal: Der ungenannte israelische Hintergrund

Das Team der israelischen Firma Valtech Cardio (ca. 2010)

Publiziert: Mai 2026

Der Skandal an der Herzklinik des Universitätsspitals Zürich hat einen israelischen Hintergrund, den Schweizer Medien offenbar nicht nennen möchten.

Es dürfte der größte Schweizer Medizinskandal seit dem “Berner Heiler” von 2005 sein: Laut externem Untersuchungsbericht kam es an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich unter dem ehemaligen Leiter Professor M. von 2014 bis 2020 zu rund 70 unerwarteten Todesfällen – die Sterberate lag zwei- bis viermal höher als an anderen Schweizer Unikliniken. Andere Fachleute mit Akteneinsicht sprachen zuvor sogar von 100 bis 200 unerwarteten Todesfällen.

In 24 Fällen – 11 Todesfälle und 13 weitere Operationen – reichte die Klinik inzwischen Strafanzeige ein. Auch manipulierte Veröffentlichungen, ein entlassener Whistleblower, Klinik-interne Intrigen und geheime Entschädigungszahlungen mit Schweigeklauseln gehören zu diesem Fall.

Schweizer Medien, die dem seit Jahren schwelenden Skandal zuvor eher wenig Aufmerksamkeit schenkten, berichten seit Veröffentlichung der Untersuchungs­ergebnisse Anfang Mai intensiv über die Vorkommnisse (1). Doch alle diese Berichte – ob NZZ-Analyse, SRF-Beitrag oder Weltwoche-Interview – haben eines gemeinsam: Sie nennen den israelischen Hintergrund der Affäre nicht.

Der israelische Hintergrund

Denn das im Zentrum der Affäre stehende “Cardioband” – ein neuartiges, aber laut Fachleuten weitgehend untaugliches Implantat zur Abdichtung von Herzklappen – gehörte nicht, wie vielfach kolportiert, Professor M. oder “seiner Firma”, sondern der 2005 von Amir G. gegründeten israelischen Firma Valtech Cardio (siehe Titelbild oben). Hinter Valtech wiederum standen Peregrine Ventures, Israels größter Risikokapitalgeber im Bereich Medizintechnik, sowie einige andere Investoren.

Der auf Herzklappen spezialisierte Chirurg M., der damals noch an der Mailänder San Raffaele Klinik angestellt war, fungierte von 2008 bis 2013 zugleich als “Chief Medical Officer” bei Valtech Cardio und war an der Entwicklung des “Cardiobands” beteiligt. Auf den Valtech-Patenten aus jener Zeit steht sein Name zusammen mit den Namen mehrerer israelischer Staatsbürger.

M. besaß zudem Aktienoptionen von Valtech Cardio. Diese würden wertvoll werden, falls es zum Verkauf von Valtech kommen sollte. Und genau das war das Ziel: Die Eigentümer der israelischen Valtech wollten für das “Cardioband” eine europäische Zulassung erhalten und die Firma sodann gewinnbringend an einen internationalen Medizintechnik-Konzern verkaufen.

Im Unterschied zu Arzneimitteln waren die europäischen Zulassungsbedingungen für medizinische Geräte – inklusive Implantate wie das “Cardioband” – bis vor wenigen Jahren notorisch lax: Es musste lediglich eine “Konformität” mit Standards bezüglich Sicherheit und Funktionalität nachgewiesen werden. In einem berühmten Fall gelang es einer niederländischen Journalistin 2014, für ein Mandarinennetz aus dem Supermarkt die Zulassung als medizinisches Implantat zu erwirken. Erst 2021 traten schärfere EU-Bedingungen in Kraft, die sich allerdings noch bewähren müssen.

Die europäische Dimension

Um die Zulassung für das “Cardioband” zu erhalten, führte die israelische Valtech 2010 zunächst eine Tierstudie an einigen Schweinen durch. Laut Fachleuten offenbarte diese Studie bereits deutliche Mängel des Implantats – insbesondere eine ungenügende Verankerung im Gewebe. Dennoch wurde das “Cardioband” ab 2013 an fünf Herzkliniken in Mailand, Paris, Hamburg, Bonn und Zürich im Rahmen einer von Valtech finanzierten “Machbarkeitsstudie” bei Menschen eingesetzt.

Dies ist ein weiterer Aspekt, den Schweizer Medien bisher nicht ausreichend dargestellt haben: Erstens war das “Cardioband” kein europäisches, sondern ein israelisches Produkt, und zweitens ist das “Cardioband” nicht nur ein Zürcher oder Schweizer Skandal (es wurde an mehreren Schweizer Kliniken eingesetzt), sondern ein europäischer Skandal. Bei weitem am stärksten betroffen ist dabei Deutschland, wo bis 2025 an mehreren Standorten über 500 “Cardiobänder” eingesetzt wurden.

Professor M. wechselte 2013 von Mailand an die Uniklinik Zürich, wo er bereits 2014 Leiter der Herzchirurgie und damit zugleich Co-Leiter des Herzzentrums wurde. Seit dem Wechsel nach Zürich war Professor M. nicht mehr “Chief Medical Officer” der israelischen Valtech, sondern lediglich noch ihr “Berater“, was ihm mit immerhin 120.000 US Dollar pro Jahr vergütet wurde.

Professor M. wurde vom deutschen Professor F. von Mailand nach Zürich geholt, dem bisherigen Leiter der Zürcher Herzchirurgie, der 2014 an die Berliner Charité wechselte. Auch Professor F. war ein “Berater” der israelischen Valtech Cardio und besaß ebenfalls Aktienoptionen der Firma. Beide Professoren waren Teil einer mit Valtech verbundenen Gruppe europäischer Herzchirurgen.

Auf Basis der “Machbarkeitsstudie” erfolgte schon Ende 2015 die europäische Zulassung des “Cardiobands” (die sogenannte CE-Zertifizierung), und auf Basis dieser Zulassung gelang es den Eigentümern der israelischen Valtech Ende 2016, das Unternehmen mitsamt “Cardioband” für 340 Millionen USD an den amerikanischen Konzern Edwards Lifesciences zu verkaufen. Weitere bis zu 350 Millionen USD waren bei Erreichen gewisser Zulassungs– und Verkaufserfolge vorgesehen.

Vom Verkauf der israelischen Valtech an Edwards Lifesciences profitierte auch der ehemalige “Chief Medical Officer” Professor M. Der damalige Wert seiner Aktienoptionen ist bis heute nicht öffentlich bekannt; sollten sie beispielsweise fünf Prozent an Valtech Cardio entsprochen haben, so wären das rund 17 Millionen US Dollar gewesen. Die Uniklinik Zürich war hingegen nicht am “Cardioband” beteiligt und hatte daher auch keinen Einfluss auf dessen Verwendung oder Verkauf.

“Man of the Year”

Der israelische Valtech-Gründer und CEO Amir G. wurde 2017, nach dem Verkauf seiner Firma an Edwards, vom israelischen Finanzmagazin Globes zum “Man of the Year” gekürt, während Professor M. 2020 als “World Top Expert” für Mitralklappen ausgezeichnet wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt summierten sich in Europa längst die “Cardioband”-Komplikationen und Todesfälle.

Laut Untersuchungsbericht erhielten an der Zürcher Uniklinik 43 Patienten ein “Cardioband”. Bei fünf davon kam es zu “schwerwiegenden Komplikationen”, zwei davon starben. 21 weitere “Cardioband”-Patienten starben zu einem späteren Zeitpunkt an Herzversagen, wobei der Untersuchungsbericht dies nicht direkt auf das “Cardioband” zurückführt. Lediglich drei Patienten zeigten einen längerfristigen Behandlungserfolg. Ein anderer Bericht spricht von neun “Cardioband”-Toten.

Aufgrund der fragwürdigen Ergebnisse mit dem “Cardioband” stieß Professor M. innerhalb der Herzklinik rasch auf Widerstand. Er umging diesen, indem er treue “Gefolgsleute” nach Zürich holte. Durch fragliche Qualifikationen und zunehmende Friktionen sank nun jedoch auch die Qualität und Überlebensrate bei chirurgischen Eingriffen, die nichts mit dem “Cardioband” zu tun hatten. So kam es zu den rund 70 “unerwarteten Todesfällen” an der Zürcher Herzklinik.

2019 versuchte die Direktion Professor M. zu versetzen, was jedoch nicht gelang. Kurz darauf trat mit Dr. P. ein interner Whistleblower auf, der jedoch 2020 entlassen wurde. 2021 wechselte Professor M. schließlich nach Mailand zurück. Sein Nachfolger, der auf 150 “verdächtige Todesfälle” stieß, sah sich mit einer anonymen Strafanzeige konfrontiert. Erst 2024 wurde die europäische Zulassung des “Cardiobands” aufgrund von Berichten der deutschen Tageszeitung Die Welt zurückgezogen.

Man könnte annehmen, der amerikanische Edwards-Konzern hätte die Eigentümer der israelischen Valtech Cardio unterdessen verklagt, da ihm ein untaugliches Produkt mit geschönten Studien für hunderte Millionen Dollar verkauft wurde. Das geschah – bisher – jedoch nicht. Stattdessen geschah das Gegenteil: Die Eigentümer der Valtech Cardio verklagten Edwards 2023 auf 300 Million USD, da Edwards das “Cardioband” absichtlich vom Markt genommen hätte, um ein eigenes Produkt zu entwickeln. Die Klage wurde 2024 nach Verlust der Zulassung von einem US-Gericht abgelehnt.

Von “Cardioband” zu “Cardiovalve”

Die Geschichte ist damit jedoch noch nicht zu Ende. Denn die israelische Valtech Cardio hatte neben dem “Cardioband” noch ein zweites Produkt entwickelt, das sogenannte “Cardiovalve“, ein Herzklappen-Ersatz, an dem Professor M. ebenfalls mitwirkte und finanziell beteiligt war.

“Cardiovalve” wurde 2016 nicht an Edwards verkauft, sondern von Valtech-Gründer Amir G. in ein eigenes Unternehmen übertragen, das 2021 für weitere 300 Millionen USD an den chinesischen Konzern Venus Medtech verkauft wurde. Amir G. ist seither ein in Israel gefeierter Serienunternehmer, der seine Firmen für über eine halbe Milliarde USD an ausländische Konzerne verkaufen konnte.

“Cardiovalve” befindet sich derzeit im europäischen Zulassungsverfahren. Bisher wurde es von Professor M. und anderen europäischen Ärzten im Rahmen einer Studie an rund 150 Patienten eingesetzt. Gelingt dieses Mal neben dem finanziellen auch der medizinische Erfolg?

Die innovatorische Absicht hinter den beiden Valtech-Produkten war durchaus vorhanden, zumal Valtech-Gründer Amir G. der Sohn des bekannten israelischen Erfinders und Unternehmers Yossi G. ist. Dieser kannte den Mentor von Professor M., ein berühmter italienischer Herzchirurg, wodurch die israelische Verbindung zustande kam. Doch zumindest das “Cardioband” war unausgereift und wurde trotz deutlicher Warnsignale und mit geschönten Studien vorschnell auf den Markt gebracht.

Schweizer Medien

Ohne den soeben dargestellten israelischen Hintergrund kann man die “Cardioband”-Affäre nicht wirklich verstehen. Der italienische Professor M. und der Skandal am Herzzentrum der Uniklinik Zürich sind letztlich nur ein Aspekt dieser komplexen Angelegenheit. Dennoch haben Schweizer Medien die israelische Dimension bisher gar nicht oder nur ganz am Rande erwähnt – mit einer wesentlichen Ausnahme: einem Gastbeitrag auf einer bekannten Zürcher Finanzwebsite.

Für diese bemerkenswerte Auslassung könnte es verschiedene Gründe geben: oberflächliche Recherche oder Fokus auf den lokalen Skandal statt die internationalen Hintergründe etwa, womöglich aber auch Angst vor Klagen der israelischen Investoren oder Anschuldigungen bezüglich “anti-israelischer” oder sogar “anti-jüdischer” Berichterstattung, oder auch Furcht vor einer politischen Intervention des israelischen Staates oder der israelischen Lobby.

Bereits während des Israel-Palästina-Konflikts seit 2023 konnte beobachtet werden, dass Schweizer Medien überaus Israel-konform berichten – teilweise sogar noch konformer als deutsche Medien, die laut Untersuchungen bereits sehr Israel-konform aufgestellt sind. Diese Schweizer Konformität könnte womöglich mit strategischen Abhängigkeiten im Bankenwesen (erneuter Konflikt um mögliche NS-Konten bei UBS/CS) und im Außenhandel (US-Zölle) zusammenhängen.

Jedenfalls unterstreicht die Aufklärung des Zürcher Herzklinik-Skandals einmal mehr die Bedeutung von kritischem und unabhängigem Journalismus sowie mutiger und aufrichtiger Fachexperten.

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Sie haben gelesen: 
Zürcher Herzklinik-Skandal: Der israelische Hintergrund
Eine Analyse von Swiss Policy Research

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Endnoten

(1) Zur Aufklärung seit 2020 beigetragen haben insbesondere der Zürcher Tages-Anzeiger bzw. Tamedia, die Finanzwebsite Inside Paradeplatz, und die deutsche Zeitung Die Welt. Eine besonders schwache bzw. kontraproduktive Leistung boten hingegen die NZZ, die Republik und die Weltwoche.

Anhang: Bilder

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Videos

Literatur

Valtech Cardio

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Siehe auch

SPR Medienarchiv


Schlagworte: Cardioband, Cardiovalve, Valtech, Edwards, Zürich, Universitätsspital, USZ, Francesco Maisano, André Plass, Paul Vogt, Amir Gross, Volkmar Falk, Gregor Zünd, Herzchirurgie, Implantate

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