Die Schleusenwärter

Publiziert: April 2019

Beanstandung eines SRF-Zuschauers: Warum berichtete SRF (sowie fast alle anderen Medien) nicht über den mehrtägigen Generalstreik in Indien von immerhin 200 Millionen Menschen?

Antwort des stv. Chefredakteurs: »Tatsächlich trifft es zu, dass wir diesen Generalstreik nicht thematisiert haben. Auch die allermeisten anderen relevanten Medien taten das nicht. Weder in der Schweiz noch anderswo in Europa. Nach Abklärungen unserer Nachrichten­redaktion war der Streik in den grossen Nachrichtenagenturen – Reuters, AFP, DPA oder AP – kein oder so gut wie kein Thema. Unsere Nachrichten­redaktion stützt sich massgeblich auf diese Agenturen, da wir als Schweizer Medium mit sehr beschränkten Mitteln in vielen Fällen ausserstande sind, die gigantische Fülle an internationaler Information selber zu sichten und zu verarbeiten. Wir brauchen die Agenturen und andere internationale Medien als Schleusenwärter. Den indischen Streik aufgegriffen haben unter den ausländischen Medien praktisch ausschliesslich ein paar wenige mit prononciert linkem Kurs («Neues Deutschland» zum Beispiel) – was selbstverständlich nicht heisst, dass es falsch war, darüber zu berichten. Angesichts eines riesigen Landes wie Indien mit einer Milliarden­bevölkerung können wir stets nur einen winzigen Teil der aktuellen Ereignisse aufgreifen in unserer Berichterstattung. ()«

Ergänzung des stv. Redaktionsleiters: »Aus Fernsehsicht ist hinzuzufügen, dass der zweitägige Streik in Indien auf keiner Agenda (News-Agentur oder Video-Agentur) als Top-Event angekündigt war. SRF hat über den internationalen Video-Austausch, auf den SRF als kleine TV-Anstalt in der aktuellen Ausland­bericht­erstattung angewiesen ist, keine bewegten Bilder erhalten. ()«

Anmerkung SPR: Ob in Syrien, in Venezuela oder in Indien: »Was die Agentur nicht meldet, findet nicht statt.« (Wilke 2000) Und die drei Weltagenturen befinden sich in den westlichen Metropolen London, New York und Paris (plus Berlin). Würde sich das traditionell blockfreie Indien zu stark an Russland und China annähern, so stünde so ein Generalstreik womöglich weiter oben auf der westlichen Agentur- und Medienagenda – ohne dass der einzelne Journalist wissen muss, warum.

Wohlgemerkt: Das SRF verfügt seit mehreren Jahren über einen festen Korrespondenten in Indien, und dieser hat den Generalstreik von 200 Millionen Menschen sicherlich mitbekommen. Doch mangels Agentur­meldung wurde das Thema von der Redaktion gar nicht erst eingeplant.

Quelle: Nichtberichterstattung über Generalstreik in Indien beanstandet (SRG, 02/2019)

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Publiziert: April 2019

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