Russische Propaganda II

Aktualisiert: 22. Dezember 2018

In einem früheren Beitrag beschrieben wir Methoden und Ziele der modernen russischen Auslandspropaganda. Inzwischen hat die Beratungsfirma New Knowledge im Auftrag des US-Kongresses einen detaillierten Bericht vorgelegt zu den Online-Aktivitäten der ominösen St. Petersburger Internet Research Agency (IRA). Eine deutsche Zusammenfassung findet sich hier.

Die Analyse zeigt, wie die IRA-Kampagnen auf bestehende Friktionen in der US-Gesellschaft abzielten, beispielsweise bezüglich Ethnien, Immigration, Islam, Sezessionsbestrebungen in Texas und Kalifornien, Polizeibrutalität, Drogen, et cetera. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl wurden zudem potentielle Trump-Wähler bestärkt, potentielle Clinton-Wähler hingegen abgeschreckt.

Es ist freilich nicht klar, ob die Kampagnen einen nennenswerten Effekt auf das politische Geschehen in den USA hatten, zumal sich Likes und Follower (deren Echtheit nicht überprüft wurde) ebenso leicht künstlich erzeugen lassen wie die Seiten selbst. Den wiederholten Demonstrationsaufrufen auf IRA-Seiten folgte jedenfalls meist niemand, in Einzelfällen ein knappes Dutzend Personen.

Ebenso unklar ist weiterhin, ob es sich bei der IRA um eine private oder eine privatisierte staatliche Initiative handelt. Die Zuordnung der Konten zur IRA ist zudem weder transparent noch trivial (was auch die Autoren betonen); eine verdeckte US-Operation (zur Diskreditierung von Kritikern) kann deshalb nicht gänzlich ausgeschlossen werden (siehe hierzu die Aktualisierung unten).

Manche argumentieren, die IRA sei ein rein kommerzielles Unternehmen, das lediglich zwecks Clickbaiting auf politische Themen aufspringe. Es trifft zu, dass die IRA Werbung an Dritte verkaufte und ihre Aktivitäten lange vor den US-Wahlen begannen und auch danach noch weitergeführt wurden. Die gewählten Botschaften lassen gleichwohl auf eine politische Motivation schließen.

Zu beachten ist ferner, dass sich die dokumentierten IRA-Kampagnen sowohl im Vergleich zur übrigen Politwerbung in sozialen Medien wie auch zu bereits aufgedeckten britischen und amerikanischen Beeinflussungskampagnen bislang eher bescheiden ausnehmen.

Schließlich sei angemerkt, dass die Analyse im Auftrag des US-Kongresses entstand und die Autoren ehemalige Mitarbeiter von NSA und Außenministerium sind, mithin keine Unbeteiligten. Dennoch macht die Untersuchung einen grundsätzlich seriösen Eindruck (siehe aber die Aktualisierung).

Aktualisierung

Inzwischen wurde bekannt, dass der CEO der Beratungsfirma New Knowledge 2018 in ein Geheimprojekt involviert war, bei dem künstliche russische Twitter-Follower angelegt wurden, um einen republikanischen Senatskandidaten zu diskreditieren. Außerdem wurden künstliche Facebook-Seiten angelegt, um Gerüchte zu streuen und andere Kandidaten zu unterstützen. Das Projekt kostete 100.000 Dollar und wurde von einem US-Milliardär finanziert. Ein interner Bericht spricht explizit von einer »elaborierten False-Flag-Operation«, um ein »russisches Botnet« zu simulieren.

Es ist derzeit noch nicht klar, ob auch die angebliche IRA-Kampagne ganz oder teilweise eine solche verdeckte US-Operation war.


Publiziert: 21. Dezember 2018 (Aktualisiert)

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